Brigitte Fulgraff
'Luigi Nono Il canto sospeso -
ein fächerübergreifendes Projekt der Fondazione L'Unione Europea in Kooperation mit der KölnMusik GmbH'
Auszüge der Seminararbeit
Das Angebot des Projekts ist als einmalig zu bezeichnen: Es bietet durch die Chance der Zusammenarbeit von Schulen, Kursen und Schülergruppen die Möglichkeit zu einer besonders intensiven und vielfältigen Kommunikation über einen thematisch und musikalisch anspruchsvollen Gegenstand.
Innerhalb der Projektarbeit stehen für mich das Innovieren des eigenen Unterrichts, die Öffnung von Schule, Erziehung zu Demokratie und die veränderte Lehrerrolle im Vordergrund.
Das Nono-Projekt bietet für den Musikgrundkurs in fächerübergreifender Hinsicht vor allem die Einbeziehung der Fächer Geschichte, Politik und Philosophie. Durch die Kooperation mit den Grundkursen Kunst und mit dem Grundkurs Italienisch der Jahrgangsstufe 11 wurde einigen Schülerinnen am Montessori-Gyymnasium die Möglichkeit eröffnet, Auseinandersetzung mit dem Thema auch auf fächerverbindender Ebene zu erleben (Italienisch, Kunst).
Der Projektunterricht bedeutet grundsätzlich ein Aufbrechen konventioneller Unterrichtsformen.
Zu den vollständigen Lernprozessen gehört mehr als eine .kognitive Überdosis' durch den regulären und konventionellen Fachunterricht. Hier fügt sich das Nono-Projekt insofern gut ein, als der kognitiv-analytische unterrichtliche Zugang zum Inhalt zugunsten des affektiv-handlungsorientierten Zugang zwar so weit wie möglich, aber gleichzeitig nur so viel wie nötig berücksichtigt wird.
Die wichtigsten Lerndimensionen einschließlich ihrer speziellen Bedeutung im Nono-Projekt sind:
- Lerndimension: herausbilden eigener Identität als Teil sozialer Beziehungen' durch die Teamarbeit;
- Lerndimension: ,Natur, Kunst und Medien' durch den gestaltenden Umgang mit Materialen;
- Lerndimension: «Konstruktion und Rekonstruktion, Inszenieren und Schaffen' durch die reflexive und produktive Auseinandersetzung mit der Musik;
- Lerndimension: Demokratie' durch die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Holocaust - Gewalt - Widerstand.
Der Gegenstand des Projekts ist komplex genug, die Möglichkeit zum fächerübergreifenden Arbeiten zu gewährleisten.
Die dem Projektunterricht immanente Produktionsorientierung schafft Freiraum für die geforderten intuitiven Zugänge und gibt ausreichend Anlass für Kreativität, Die produktorientierte Zielsetzung ermöglicht es, die erwähnten Arbeitshaltungen wie Ausdauer und Zielstrebigkeit zu fördern. Die politischen Intentionen des Komponisten und der Initiatoren des Nono-Projekts führt auch die Schülerinnen dazu, durch eine begründete Auseinandersetzung Musik als politische Stellungnahme zu begreifen. Es zeigt sich, daß die Durchführung des Nono-Projekts im Schulunterricht auch durch die Forderungen der Richtlinien legitimiert ist.
Allein die Möglichkeit, dass Kölner Schulen mit ihren Schülerinnen am Nono-Projekt inhaltlich teilnehmen konnten, ist bereits als außergewöhnlich zu bezeichnen.
Dass Nonos politische Intention Gegenstand des Unterrichtsgesprächs war und damit auch eine Umfeldanalyse vollzogen wurde, bringt die Herangehensweise in die Nähe der auditiven Wahrnehmungserziehung, die eine Vereinigung von Parameteranalyse, Experimentieren mit verschiedenstem Klangmaterial und Umfeldanalyse darstellt. Die verschiedenen Zugriffe wurden funktional eingesetzt, die notwendige Schwerpunktbildung lag aber durch die lange Endphase der eigentlichen Projektarbeit auf dem Selbsttun und Gestalten.
Die Gruppe von Schülerinnen, denen es zunächst sehr schwer fiel, sich auf die Musik Nonos einzulassen, und zugleich darauf aufmerksam machte, dass die Problematik von Gewalt gegen Minderheiten, Krieg und Ausrottung in der Gegenwart noch immer aktuell ist, hatte schließlich trotz der anfänglichen Ablehnung einen Weg gefunden, sich auf das Thema und die Musik einzulassen. Das wird deutlich in ihrer filmischen Collage zum Thema ,11. September und Irak-Krieg', zu der Teile von ,Il canto sospeso' die Funktion von Hintergrundmusik übernehmen. Auch diese Gruppe hatte sich mit und bei der Herstellung des Films intensiv in Nonos Musik eingehört. Die eindrucksvolle Wirkung des Films steht auch in unmittelbarem Zusammenhang mit Nonos Musik, was auch den Schülerinnen in der Reflexion bewusst wurde.
Der Schüler, der schließlich bei der Ausstellungseröffnung eine eigene Klavierkomposition vorstellte, hatte sich bisher „nur" mit „klassisch-romantischer" Musik beschäftigt. Auf Anregung der Lehrperson hin entstand zunächst auf improvisatorischer Basis eine Beschäftigung mit neuen Klangmöglichkeiten und Klangkombinationen. Die Komposition des Schülers dokumentiert seine persönliche Weiterentwicklung, sich vom vorgeschriebenen Notentext und der strengen harmonischen Bindung klassischer Musik zu lösen,
Eine Gruppe von vier Schülerinnen experimentierte gesanglich mit Dissonanzen. Zwei Schülerinnen kombinierten verschiedene Klänge von Keybord, Gitarre, Radio-einspielung mit der Rezitation von Briefausschnitten. Eine weitere Gruppe fand in einer Zusammenstellung von Filmmusiken einen musikalischen Hintergrund für ihre Rezitationen.
Den Schülerinnen wurde im Projektverlauf bewusster, welche neuen Ausdrucksmöglichkeiten und welche neue Aussagen mit dieser Musik verbunden sein können. Direkt oder indirekt flössen diese Erkenntnisse in ihre Projektarbeiten ein. o Die Schülerinnen reagierten offen und motiviert über die Hereinnahme geschichtlicher Inhalte in den Musikunterricht. Die Darstellung zeigt dass die Chancen, sich auf diese Weise dem Thema zu nähern, genutzt wurden.
Grundsätzlich ist anzumerken, dass Schülerinnen durchaus bereit sind, Zeit, Anstrengung und Mühe zu investieren und im Projektunterricht engagierter zu arbeiten, allerdings gilt es zu Anfang die reziptive Haltung der Schülerinnen aufzubrechen.
Grundsätzlich stellte die Projektarbeit für mich eine Erweiterung des eigenen pädagogischen Horizontes dar. Auch für die mit mir kooperierenden Lehrpersonen bedeutete die gemeinsame Arbeit eine Motivation für das eigene Unterrichten; trotz Mehrarbeit wurde die gemeinsame Zielsetzung als Unterstützung und schließlich auch als Arbeitsentlastung empfunden.
Demokratische Erziehung in der Schule ist auf verschiedenen Wegen möglich: Sowohl direkt durch eine Beschäftigung mit Geschichte und Politik als auch indirekt durch demokratisch gestaltete Arbeitsformen und -prozesse. Das Nono-Projekt bot beides: Die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Holocaust - Widerstand - Gedenken und die Förderung der Eigenverantwortlichkeit und Teamarbeit in der Projektarbeit.
Die Übernahme des Konzeptes eines außerschulischen Anbieters auf die eigene Lehrgruppe ist meiner Ansicht nach als gelungen zu bezeichnen. Die zur Verfügung gestellten Materialien (Reader und DVD), die Angebote, Zeitzeugen einzuladen oder das Konzert in der Philharmonie zu besuchen, ermöglichten eine abwechslungsreiche und inhaltlich gehaltvolle Gestaltung des Unterrichts.
Die Teilnahme am Projekt bedeutete ein fruchtbares Innovieren meines Unterrichts. Den neuen Anforderungen habe ich mich mit Spannung - und schließlich meiner Ansicht nach - mit Erfolg gestellt, obwohl ich bisher nicht in diesem Maße einer offenen und produkt-orientierten Arbeitsweise Raum gegeben habe.
Die Qualität der Projektergebnisse und die Aussagen in den Schülerdokumentationen sprechen auch für diesen Erfolg. Im Musikgrundkurs wurde ein Weg gefunden, die Schülerinnen zu fordern, ohne sie zu überfordern.
Ich gestehe in den Evaluationen den Schülerinnen zu, ihren Lernerfolg selbst einzuschätzen, denn es macht keinen Sinn, wenn die Einsicht in den Lern- und Erfahrungsgewinn nur auf Lehrerseite gewonnen wird. Dies - wie auch die Tatsache, dass das eingangs erwähnte Motivationsproblem „Nicht schon wieder Nationalsozialismus" nicht aufgetreten ist - belegen die folgenden Schüleräußerungen abschließend:
- „Projekt stellte Erweiterung des Horizonts dar, diese ungewöhnliche Musik kennenzulernen" (Schüler aus Englisch-Kurs, Gymnasium Kreuzgasse)
- „Auseinandersetzung hat eine persönliche Seite bekommen, was einen wirklich betroffen hat" (Schülerin aus Musikgrundkurs, Montessori-Gymnasium)
- „Das Projekt sollte auf jeden Fall fortgeführt werden. Es ist schön, dass gerade Menschen in unserem Alter sich mit dem Thema beschäftigen, aber auf eine Art, die echtes Verständnis erzeugt. Dafür ist das Projekt sehr geeignet" (Schüler aus Musikgrundkurs, Gymnasium Pesch)
- „Es ist schön, dass so viele Schulen in Köln an demselben Projekt mitgearbeitet haben." (Schülerin aus Musikgrundkurs, Gymnasium Pesch)
- „Das Projekt hat in jedem Fall Spaß gemacht. Es sollten öfters solche Projekte gemacht werden, weil die selbständige Arbeit im regulären Unterricht zu kurz kommt. Außerdem fand ich die Ausstellung sehr schön, vor allem die Kunst-Projekte" (Schüler aus Musikgrundkurs, Montessori-Gymnasium)
Internet
- http://www.nonoprojekt.de sowie
- http://www.hansenberg.de
- http://www.incontri-europei.de/projekt/nono/Schulprojekt/zeuthen * http://www.wiesan.de/nono
Kontakte
- Niko Lamprecht - mailto:lamprecht@12move.de
- Jürgen Petzinger - mailto:juergen.petzinger@web.de, mailto:jp@incontri-europei.de
- Seminararbeit (Originalfassung, PDF)
