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Umberto Eco: zum Schulprojekt und der Videoproduktion Luigi Nono Il canto sospeso

Die Geschichte von vor 50 Jahren ist zur Urgeschichte geworden. Und wenn jemand heute die Jugend daran erinnert, so um die Geschichte zu negieren, um zu sagen: es sei nichts passiert.

Auf Internet gibt es mindestens 15 Plätze, inspiriert von diesem Revisionismus, die mit Bildern, mit Worten die Realität des Holocaust abstreiten. Die jungen Leute erleben es täglich, wie mit dem Fernseher, dem PC-Programm bearbeitete Realität erzeugt werden kann. So erscheint die Geschichte, die viele von uns erinnern, sie erlebt zu haben, für Jugendliche wie eine Hollywood-Legende, in der General Custer, Buffalo Bill, Indianer Jones, Hitler und Mussolini sich vermischen.

Was ist wahr: Auschwitz oder die Stadt von Bladerunner ?

Wo uns die Geschichte nicht mehr zu überzeugen vermag und sich mit der Legende vermischt, kann uns die Kunst wieder die Wahrheit sagen. Ich wünschte mir, daß „Canto sospeso“ in allen Schulen gezeigt würde - junge Leute in aller Welt würden dann verstehen, daß das, was sie in dem Video gesehen und gehört haben, tatsächlich passiert ist.

Vielleicht würden sie unsere gleiche Unruhe und Angst fühlen, daß es noch einmal passieren kann. Sie würden lernen, die neuen Zeichen von Intoleranz, von Fanatismus, Brutalität und Bestialität zu erkennen. Weil sich der neue Feind nicht mit glattrasiertem Kopf, mit schwarzen oder braunem Hemd und Hakenkreuz auf dem Ärmel zeigt. Das wäre eine traurige, beschränkte Folklore.

Der neue Feind ist verkleidet. Manchmal im Zweireiher. Manchmal spricht er nicht die Sprache der Nibelungen, sondern die Sprache von Coca Cola.

Er knirscht nicht mit den Zähnen, er lächelt. Er fordert uns nicht zum Krieg auf, sondern zum Glücklichsein. Und dennoch fordert er das Andere, die Vernunft und die Tugend der Stille zu hassen.

Um also bereit zu sein zu sprechen und zu schreien - jedes Mal, wenn es nötig ist, heute und in der Zukunft, lade ich Sie ein, mit mir einige Sekunden zu schweigen, um danach bereit zu sein und zu reden, wie uns „Canto sospeso“ es gelehrt hat.

(Rede zur Vorführung der Videoproduktion Luigi Nono Il canto sospeso am 26.März 1997 in der Kunsthalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, in Zusammenarbeit mit der Kulturabteilung der italienischen Botschaft in Bonn)


Translation - Umberto Eco on the school project and the video production of Luigi Nono’s “Il Canto sospeso”

“The history of 50 years ago is prehistory. And if anybody reminds today’s young people about it in order to deny it, in order to say it didn’t happen, there are at least 15 web-sites in the internet, inspired by this revisionism, which deny the reality of the Holocaust in words and pictures. The young people experience every day how TV and computer programmes can re-process reality. History as we remember it and experienced it appears to young people as a Hollywood legend, in which General Custer, Buffalo Bill, Indiana Jones, Hitler and Mussolini are mixed into one. What is true: Auschwitz or Bladerunner’s City? Where history can no longer convince us and gets mixed in with legend, art can tell us the truth again. I wish “Il Canto sospeso” could be shown to young people in schools all over the world. Then they would understand that what they saw and heard on the video actually happened. Perhaps they would feel our ill-ease and fears that it can happen again. They would learn to recognise the new signs of intolerance, fanaticism, brutality and bestiality – because the new enemy does not show himself with shaven head, black or brown shirt and a Swastika on the sleeve. That would be a sad, limited folklore. The new enemy is in disguise – sometimes in a double-breasted suit, sometimes he speaks the same language as Coca Cola, not the language as the Nibelungs. He doesn’t grind his teeth, he smiles. He doesn’t call on us to go to war, but to be happy. And yet he still calls for us to hate those that are different, to hate reason and the virtue of silence. In order to be ready to speak and to scream, every time when it is necessary, today and in the future, I invite you to be silent for a few seconds, in order to be ready and to speak the way the “Il Canto sospeso” has taught us.”




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